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DER DICHTER EIN WEGWEISER UND PROPHET?
Johan Janssens setzt sich mit einem zerknitterten Blatt in der Hand, von dem er vorlesen möchte, hin … doch er legt seine müden Hände darauf und sagt: weißt du, daß Tippetotje da etwas Erstaunliches gesagt hat? Etwas, das auch ich mit meinen eignen Fingern betastet habe, das ich mit meinen eignen Augen schon gesehen, mit meinen eignen Ohren schon gehört habe, doch mit meinem eignen Verstand noch nicht habe akzeptieren wollen? … Sie, Tippetotje, ging sich James Ensor ansehen, doch was sie sah, war in Wirklichkeit ein Stück des Untergangs unserer Kultur, die Krankheit, der Krebs … Und ich, Johan Janssens, ging in meiner Eigenschaft als Dichter zum Flageyplein in Brüssel, um dort im Radio die gesellschaftlichen Beziehungen des Dichters zur Masse zu erläutern … Und nachdem ich gesprochen hatte und wieder nach draußen kam, der Abend senkte sich bereits auf den Platz herab, während ich noch ein wenig von meinen schönen und erhabene Worten erfüllt war, da sah ich, durch diese Worte hindurch, den Untergang unserer Zivilisation: die Suche nach immer wieder neuen Tricks, um an Geld zu kommen und dieses Geld bei irgendwelchen Ausschweifungen wieder zum Fenster hinauszuwerfen: eine Frau, die mich anquatschte, um angeblich ihre Straßenbahn bezahlen zu können … Und ich gab ihr 3 Francs, den sie mußte auch noch umsteigen, sagte sie … aber Sie hastete in der hereinbrechenden Dunkelheit rasch über den Platz zu einem anderen Passanten.
Und weil solche Sachen mir auf die Verdauung schlagen, betrat ich eine Kneipe an der Ecke des Platzes und ging zur Herrentoilette, die - und da kann ich nur schmerzhaft lachen - gleich neben der Damentoilette lag - und da kann ich nur noch mal schmerzhaft lachen -, und zwischen den beiden Tolietten gab es nur eine dünne Holzwand, in die jemand ein Loch gebohrt hatte, so daß die Herren, ein Auge an das Loch gepreßt, die Damen aus der Nähe betrachten konnten.
Und am nächsten Morgen sitze ich, Johan Janssens, mit meiner zerknitterten Radiorede am Ofen - die Aufgabe des Dichters gegenüber den Massen -, mit wirren Haaren, mit zitternden Händen, die eine Zigarette rauchen und eine Tasse Kaffee festhalten, um den fauligen Geschmack aus meinem Mund spülen zu können … und ich sehe mich selbst dasitzen wie ein willenloses Wrack auf dem Kongo … wie einen nutzlosen Dichter des Schönen und Erhabenen in einer häßlichen und auf den Abgrund zustürmenden Zivilisation.
Und da setzt sich meine Frau neben mich, und in ihren Augen entdecke ich Fassungslosigkeit: wo soll das mit dieser Welt nur enden? fragt sie mich: gestern, als du beim Radio warst, ging ich kurz nach draußen an die Haustür und raus auf die Kapellekensbaan und sehe einen Maurer, der das Loch in der Mauer von De Labor zumauert … und er sieht mich und holt sein Ding aus der Hose, als wollte er pissen, aber ein so riesiges Ding, daß ich den Blick nicht abwenden konnte, und eigentlich müßte ich mich ja schämen … aber er stand SO da und bekam es fast nicht wieder in die Hose.
Und Johan Janssens sitzt wie Tippetotje fassungsios da und vergißt von dem Blatt das vorzulesen, was er im Radio vorgelesen hat: der Dichter, ein Wegweiser und Prophet für seine Zeitgenossen.
–– Der Kapellekensweg - Louis Paul Boon, 1953